Der heilige deutsche Supermarkt – The holy german supermarket

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Der heilige deutsche Supermarkt
Weitere sporadische Hinweise aus dem Umfeld der Briefe 

Vor mir stehen nur ein paar Kunden. Wir warten geduldig bis wir an der Reihe sind, um unseren Einkauf auf das Förderband zu legen. Zehn Kassen sind geöffnet. Die Schlangen sind etwa gleich lang. Dadurch verteilt sich der Andrang in Stoßzeiten. Ich habe eine Lieblingskasse. Nummer sieben. Mich beeindruckt die Ordnung des Supermarktes jedesmal von Neuen. Die Aufteilung in verschiede Bereiche und die Verteilung der Sortimente im Raum hat den Rang eines globalen Standards erreicht. Überall das gleiche Prinzip. Es repräsentiert die Weltordnung der Dinge im Hier und Heute. Der Warenstrom der Dinge absorbiert die Lebensenergie der Menschen. Überall sehen Supermärkte ähnlich aus. Die Gleichförmigkeit des Über-Angebots negiert andere Zyklen und Prozesse. Für einen Moment wird die lineare Kontinuität des Konsums auf dem Förderband sichtbar. Das Förderband ist exemplarisch für das System. Ein unausgesprochenes Gesetz erfüllt die Wartenden, während der Warenkorb sich leert und die Dinge hintereinander zur Registrierung ziehen. Mich beeindruckt die profane Weihe der Waren auf dem Förderband. Es macht mich glücklich, wenn es dazu klingelt: Eine Absolution der Dinge an der Kasse. Das Förderband ist rein und bleibt unschuldig, wenn Waren geklaut werden.

„Ich komme eigentlich aus Kuba.“

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Einkauf mit Dreikantwarentrenner auf einer Supermarkt-Fließbandkasse
Die Ideologisierung des Konsums erfaßt die Warenwelt. Kilometerlang liegen die Waren auf dem Förderband. Ihr Fetisch erhält eine Methode der Registrierung. Menschen assistieren dabei. Manche aber auch lesen wieder das Kapital. Andere wiederum tauschen Ideen aus, die über das Kapital hinausgehen.

Das habe ich schon vor einigen Wochen erfahren. Wir sprechen nur über das Notwendigste. Dass ich keine Deutschlandkarte habe, weiß sie. Heute haben wir etwas mehr Zeit.

„Macht nichts, ich kann wechseln. Große Scheine sind wirklich kein Problem. Ja, nehmen sie bitte den Aufsteller; es soll sich keiner mehr hier anstellen. Ich muss gleich zu den Teigwaren, dort wieder Waren nachfüllen. Entschuldigung, wenn ich zu viel rede.“

Überhaupt kein Problem. Eine Frage noch. Stört es sie, wenn ich meine Sachen auf dem Band fotografiere? Warum ich das mache? Nun ja, mich interessiert dieser Augenblick, wo die Dinge den Besitzer wechseln. Dieser Moment ist ungeheuer interessant. Ein Einkauf ist niemals belanglos. Er ist höchst symbolisch. Ich kaufe nur das, was ich brauche. Meine Lust hat einen Zweck. Das Verlangen nach etwas anderem blende ich aus, meistens. Alles geschieht stumm, fast automatisch. Denn der Supermarkt ist ein System einfacher Gesten. Der Käufer zeigt durch sein unauffälliges Verhalten an, dass er sich dem System des Konsums unterordnet. Der heilige deutsche Supermarkt nach amerikanischem Vorbild ist ein Ausdruck der kapitalistischen Kultur.

Kommunikation mit anderen findet nicht statt, würde auch den standardisierten Ablauf stören, obwohl ich vor der Einordnung in die Warteschlange versucht habe, mit einer jungen Frau Kontakt aufzunehmen. Man muss wissen, wann man vor den Regalen stehend jemanden ansprechen kann. Ich habe dafür eine Methode entwickelt. Es ist eigentlich ganz leicht die Regeln zu durchbrechen, wenn man sich in die suchende oder geschäftige Perspektive des anderen versetzt. Es ist wichtig, dass man nicht stört, sondern hilft oder Hilfe benötigt, dann aber sogleich Thema wechselt. Meine Gefühle suchen nach Erwiderung. Aber ich bin auch schon derart angepasst, in dieser kleinen Welt des Supermarktes zu funktionieren, dass ich oft gar nicht merke, wenn ich Signale von anderen erhalte. Deshalb nehme ich in letzter Zeit Zettel mit, auf denen einen Satz aus den Briefen aus Kuba geschrieben steht. Ich schiebe diese Kassiber in ein Regal, lasse mich dabei immer von einem Gefühl leiten, denn es ist nicht unwichtig, wohin die Zettel gelangen.

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Der Spiegel unter dem Förderband ist auf dem Foto nicht sichtbar

Die Kassiererin verwirft die Welt des Geldes. Sie programmiert eine Welt aus lebendigen Credits. Sie ist eine glückliche Partisanin.

 

 

Vor der Kasse bin ich dann wieder ganz ich selbst; ich fotografiere gern mein Sortiment mit dem Smartphone; das wirkt irgendwie unaufdringlich, was ich mit den Fotos mache, kann ich so verbergen, und ich achte immer darauf, was die anderen auf dem Förderband legen. Für mich sind es kleine Stilleben, die ruckweise von der Kassiererin, der ich mich wieder ganz zuwende, mit einem Fußschalter in Bewegung gesetzt werden. So ändert sich an der Kasse für mich alles. Wir grüßen uns mit einem einstudierten „Hallo“. Man nimmt Blickkontakt auf. Man schaut sich an. Die Ordnung im Supermarkt hat eine Richtung. Ihre Registrierung hat ein Gesicht. Warum eigentlich? Für den Kassenbon reicht ein Automat völlig aus.

Supermarkt3

Die technologische Zukunft des Supermarktes hat schon begonnen.

Mit Hilfe des Smartphons kann der Kunde z.B. den QR Code des Buttermilchbechers scannen, erfährt dabei die Herkunftkette des Produktes einschließlich des Bauernhofes und dem wiederverwendbaren Material der Biokunststoff-Ver­packung, bis wann das Produkt wirklich haltbar ist und ob andere Produkte vielleicht bessere Calzium Werte haben oder sogar preiswerter sind.

 

Ich erkläre mir das so: Die Kassiererin an der Kasse oder eine Nachrichtensprecherin im Fernsehen haben eines gemeinsam, sie stehen im Dienst einer rituellen Prozession von Waren bzw. Informationen. Eine Lampe in der Form eines Halbmondes leuchtet über der Kasse. Die Schönheit des Systems findet so einen Widerschein: Dieser Halbmond lächelt auch manchmal im zufriedenen Gesicht der Käufer.

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Sortimente für alle, Selektionen für jeden

Der Kapitalismus ist ein System, in dem jeder für den Erhalt aller Funktionen mit seiner Lebensenergie bezahlt. An der Supermarktkasse wird für einen Augenblick lang sichtbar, welche Rechnung  jeder erhält.

 

„Ich muss jetzt rüber zu den Regalen. Nein, ich habe kein ästhetisches Verhältnis zum Konsum. Hatte ich noch nie. Mit dem Ablesegerät streife ich über den Barcode der Waren; ich schaue mir genau an, was die Leute verzehren, warum sie existieren, manchmal muss ich auch etwas auf der Tastatur eingeben. In meiner Kasse sammelt sich Geld und die Zahlen wandern in unser Logistik-Zentrum. Zahlen werden bewertet. Das ist ungeheuer wichtig. Wie gesagt, ich komme aus Kuba. Ein gut sortierter Supermarkt ist ein Traum. Nicht alle Menschen auf der Welt, können sich diesen Traum leisten. Die Waren, das Geld und die Kasse beschäftigen mich sehr. Verstehen Sie? Geld verändert sich. Menschen auch. Unsere Beziehung zur Realität ist abzählbar. Aber ich weiß auch, dass Geld schon längst nicht mehr alles erfasst.“ Partisanen erkennen sich. Sie ist noch bei einem anderem Unternehmen tätig, vermute ich. Während ich meinen Einkauf in den Rucksack packe und darüber nachdenke, welche Form des Geldes sie wohl gemeint hat, ist sie schon bei den Nudeln und füllt einige Lücken nach. Was ich mitnehme und bezahle, wird also gezählt. Regale werden ständig nachgefüllt. Berge von Dingen wandern in langen Reihen durch den Supermarkt. Ich glaube, sie kommen auf mich zu marschiert. Käufer hinterlassen keine Spuren, produzieren aber als Verbraucher viel Abfall. An der Kasse ist der Gebrauch der Dinge noch so schön übersichtlich. Man fühlt sich bestätigt. Das Modell Supermarkt funktioniert bestens. Es stellt ein ganzes System ineinander verschlungener Dinge vor; es ist eine permanente Zuschaustellung des kapitalistischen Warenstromes. Heute werde ich Königsberger Klopse kochen.

Arthur Engelbert, Februar 2013, Berlin

 

The holy german supermarket
Further sporadic indications associated with the letters

In front of me there are just some customers. Patiently we are standing in line to put our purchase onto the conveyor. Ten cash desks are open. The queues are about equally long. So the crowd is well organized during the rush hour. I have my favorite cash desk. Number seven. Again each time I am impressed by the supermarkets system. The division of the different category groups and the arrangement of the goods within the space have reached the state of a global standard. The same system everywhere. It represents the world order of things in the Here and Now. The flow of products absorbs the life energy of the people. Supermarkets look similar everywhere. The uniformity of the oversupply negates other cycles and processes.

For a moment the conveyor visualizes the linear continuity of consumption. The conveyor is exemplary for the system. An unspoken law fulfills the waiting people while the shopping cart empties and the products one after the other are going off to the registration. I am impressed by the profane determination of the goods on the conveyor. It makes me happy when a ringing bell accompanies the scenery: an absolution of the things at the cash desk. The virgin conveyor keeps its innocence, if products get stolen.

“I do actually come from Cuba.”

Supermarkt1

Purchasing with triangular article seperator on a supermarkets conveyor at the cash desk.

The ideologization of consumption gathers the world of goods. The products lay on the conveyor for miles. Their fetish gets a method of registration. People assist at this. Some however read the capital. Whereas others exchange ideas, that go beyond the capital.

I already discovered that some weeks ago. We only discuss the essentials. She knows that I do not own a map of Germany. Today we do have some more time. “No worries, I have change. Large notes really don´t cause any problems. Yes, please take the sign; this desk is closing, nobody should line up here any more. I have to go to the pasta section now, products need to be refilled again. Sorry in case I´m talking too much.”

No problem at all. One last question. Would in bother you if I am taking a picture of my goods on the conveyor? Why I am doing that? Well, I am interested in that certain moment, when the things change their owner. This moment is incredibly interesting. A purchase never is insignificant. It´s highly symbolic. I am only buying stuff I need. My desire has got a purpose. I blank out the demand for everything else, mostly. Everything happens in silence, almost automatically. The supermarket is a system formed by simple gestures. The consumers inconspicuous behavior points out symbolically their subordination facing the system of consumption. The holy german supermarket following the american model is an expression of the capitalistic culture. Communication with others is not happening, it would derange the standardized procedure. Before lining up in the waiting queue I tried to get in contact with a young Lady. You have to figure out the best moment to talk to someone who is standing in front of the shelves. I developed a method for this. It actually does not take a lot to break through the rules, just to put yourself in the others position who is busy searching for what he needs. It´s important not to interrupt, but to help or to be in the need of help, and then immediately change the subject. My feelings are looking for a response. But also I already adapted the system of the little supermarkets world so that I barely remark signals from others if they appear. That is why I recently started to always have notes with me on which there are sentences quoting the letters from Cuba. I put these secret messages into a shelf, just guided by a feeling and because it is not important, where the stiffs will get to.

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The mirror under the conveyor is not visible on this picture.

The cashier discards the world of money. She is programming a world consisting of living credits. She is a happy partisan.

 

 

At the cash desk I am myself again, taking pictures of my product range with the smartphone, that somehow appears unobtrusively, I can easily hide what I am doing with the pictures, and I always watch out for what the others put on the conveyor. In my perception that are little still lifes, that the cashier I am now turning towards again, moves jerky activating the food switch. So everything is changing at cash desk for me. We greet each other with a rehearsed “Hello”. One makes eye contact. One looks at each other. The supermarkets order has got a direction. Its registration has got a face. Why actaully? In order to get the receipt a register machine would be sufficient. My explanation goes like this: The cashier at the cash desk or a news reporter on TV have one thing in common, they act at the service of a congregational procession of products and information. A lamp in shape of a half moon lights up over the cash desk. Reflecting the systems beauty. That half moon sometimes smiles in the satisfied face of the customers.

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Assortments for everybody, selections for everyone.

Capitalism is a system that makes everyone pay for the preservation of all functions with its life energy. At the cash desk it is made visible for just a moment, who gets which check.

 


“I have to go to the shelfs now. No, I do not have an aesthetic rapport with consumption. I never did. With the reading device I record the barcode printed on the goods; I look precisely at what the people consume, why they exist, sometimes I also have to type in something on the keyboard. My cash register collects money and the numbers wander in our logistics center. Numbers are being evaluated. Thats incredibly important. As I said, I am from Cuba. A well organized supermarket is a dream. Not all people in the world can afford that dream. The products, the money and the cash register are keeping me very busy. Do you understand? Money is changing. So do people. Our relation with reality is calculable. But I do also know, that money is long since not detecting everything anymore.” Partisans recognize themselves. She is also working for another company, I assume. While I am putting my purchases in my backpack thinking about what kind of money she may have meant, she is already at the pasta section refilling gaps. Well, what I pay for and carry out with me, is actually counted. Shelfs are constantly refilled. Masses of goods wander through the supermarket in long rows. I believe they march towards me. Customers do not leave traces, but produce a lot waste material as consumers. At the cash desks the use of things is still clearly arranged. One feels confirmed. The model supermarket works optimally. It presents a whole system of interwoven things; it is a permanent display of the capitalistic flow of goods. Today I gonna cook Königsberger meatballs.

Arthur Engelbert, Februar 2013, Berlin

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