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Mit bloßem Auge

Für jede Gelegenheit gibt es Brillen. Sonnenbrillen. Lesebrillen. 3-D-Brillen. Brillen zum Autofahren. Und so weiter. Dass die Wahrnehmung unter den Bedingungen der Optik steht, ist seit den Erfindungen des Fernrohrs und des Mikroskops eine bekannte Tatsache. Weniger vertraut ist der Gedanke, dass Bildschirme diese Aufgabe noch viel effektiver erfüllen. So ist die Spot-Funktion auf Displays ganz selbstverständlich geworden. Wir zoomen alles heran, nehmen mittels google-earth alles in den Blick. Es sind nützliche Details, die rund um den Globus permanent zur Verfügung stehen. Sie erweitern die Wahrnehmung des Gesichtsfeldes. Das natürliche Sehen kann jederzeit auf technologisch-künstliche Hilfen zurückgreifen, die über die optischen Instrumente weit hinausgehen.
Die Folge davon ist, dass wir mit der Idee von Parallelwelten leben, deren Verbindung bloß hergestellt werden braucht. Hierauf lassen wir uns permanent ein. Aus dem forschenden Auge der Optik ist ein mediales geworden, das unser Denken verändert, weil es die Wahrnehmung der Dinge um uns herum in ständige Bereitschaft versetzt, andere Zonen der Beobachtung hinzuzuschalten. Dadurch ist die gerichtete Aufmerksamkeit immerzu auf dem Sprung. Sie kann jederzeit die gewohnte Umgebung herunterfahren, diese für eine bestimmte Zeit sozusagen verlassen, und andere Bereiche hinzufügen.

Man muss einmal gesehen haben, wie mittlerweile selbst Achtzigjährige ihr Smartphone in der U-Bahn bedienen oder wie junge Frauen, die telefonierend ein Café erreichen, einen technischen chic erhalten. Solche Beispiele aus dem öffentlichen Raum der Kommunikation ließen sich beliebig auf die Arbeitswelt oder den privaten Bereich übertragen. Unsere Umwelten haben sich latent vermehrt. Die stationäre Ausgangsbedingung der Wahrnehmung, sprich System und Umwelt, ist in ein neues Stadium getreten. Umwelten sind heute vornehmlich Beziehungsrelationen.

Waren vor ca. 100 Jahren Automobile eine ungeahnte Bereicherung für die Fortbewegung, sind gegenwärtig andere Umwelten und ganze Wissensräume mobil verfügbar. Die Steuerung der Dinge, hier oder woanders, ist in eine neue Phase getreten. Waren die sinnlichen Teilnahmebedingungen des menschlichen Körpers die Umwelt wahrzunehmen, durch Brillen aller Art, in der Neuzeit verlängerbar, so kann nun der Blick in der Raumzeit wandern. Der natürliche Horizont stellt keine Beschränkung mehr dar. Es ist auch gar nicht mehr interessant, was „hinter“ dem Horizont liegt. Die Beobachtung hat sich von sinnlichen Beschränkungen des natürlichen und optisch bewaffneten Sehens emanzipiert. Was sichtbar ist, hängt von der Unternehmungslust des Gehirns und seinen Wahrnehmungsorganen ab. Somit tritt das forschende Auge aus dem Labor seines Kaninchenbaus und schaut die Oberwelt an. Laien, Experten, Dilettanten, sie alle entdecken gegenwärtig die ungerichtete Aufmerksamkeit und versuchen Ordnung ins Chaos der Möglichkeiten zu bringen. Der gesamte menschliche Wahrnehmungsapparat macht eine Veränderung durch. Das Leben fühlt sich anders an. Was sich aber vornehmlich verändert, ist das Verständnis von Lebendigkeit, nicht das der Technik.

Werfen wir kurz einen evolutionstechnischen Blick auf die Sonne, die Licht in die Welt gebracht hat. Wir sehen mit den Augen der Sonne, wie bereits die Romantiker bemerkten. Unser Denken und Handeln steht im Licht von Metaphern. Heute schlagen wir die Augen mit einer physikalischen Brille auf, die Erwin Schrödinger entworfen hat. Es geht um die alte Frage, warum wir leben. Was hat es damit auf sich? Was ist Lebendigkeit? Schrödinger fragt: Warum die Atome so klein und warum die menschlichen Organe, die die Umwelt wahrnehmen, so groß sind.* Dass die theoretische Physik darauf letztlich keine Antwort hat, mag beruhigen, aber dass sie unsere Unruhe durch Fragen vorantreibt, ist gut.
Der fest gefügten Welt der Atome steht die Welt der Zellverbände gegenüber. Beide bedingen sich. Lebendigkeit stellt also Wahrnehmungsrelationen her. Es gibt eine statistische Notwendigkeit der Wahrnehmungsrelation, die über die Einzelbewegung der Atome filternd hinwegsieht. Schrödingers Brille ist an physikalische Determinanten gebunden wie unser Gesichtsfeld an dem Horizont. Mikro- und Makrowelt sind für Lebewesen aufeinander beziehbar. Wahrnehmen ist die Arbeit an einer solchen Wechselbeziehung: Die Sonne ist ein Sandwich. Wir leben vom Licht. Wir sind mundane Lebewesen, die den Blickfang groß aufgezogen haben; wir sind hochaufgerüstete Fallensteller geworden. Unsere Lebendigkeit steht dabei zur Disposition. Das mobile Auge lebt nicht mehr nur vom Licht. Wir fressen unsere Lebendigkeit selbst auf. Die Sonne in uns tötet: Das Ich im Ich verbrennt unsere Haut zum Vergnügen schön braun, während der Wind der Sonne eiskalt kühlt. Auf dem absoluten Nullpunkt schlagen uns die beschleunigten Teilchen um die Ohren. Unser Bewusstsein ist nur eines vom Tod, eines von selbsternannten Killern und Göttern, die die Selbsterhaltung bis zur Selbstauslöschung legitimieren. Ein Bewusstsein von Lebendigkeit fehlt. Vielleicht fehlt uns aber auch nur Schrödingers Brille.

AE, Berlin 2.4.2013
* Siehe SCHRÖDINGER, Erwin: Was ist Leben? Mit einer Einführung von Ernst Peter Fischer, 3. Auflage, München: Piper Verlag 1989.

With naked eye
There are glasses for any occasion. Sunglasses. Reading glasses. 3D glasses. Glasses for driving. And so on. Since the invention of the telescope and microscope it is a well known fact that the perception is conditional upon optics. Less familiar is the thought, that screens fulfil that task even more efficient. So the spot function on displays became self-evident. We use to zoom everything, take everything into view with google earth. There are useful details that are available continuously around the world. They extend the perception of the field of vision. The natural vision may always revert to technological artificial help that goes well beyond the optical instruments.
The result is that we live with the idea of parallel worlds, whose connections only need to be made. We permanently deal with that. The researching eye of optics turned into a medial one, that changes our way of thinking as it is putting the perception of things into the permanent preparedness to add further zones of observation. As a result the directed attention is always on the go. She can always bring down the usual environment, that is to say leave it for a certain time and add other areas.
One has to have seen how even eighty year olds use their smart phones in the metro or how young women, who enter a coffee place while talking on the phone, obtain a technical chic. Such examples from the public space of communication could be transferred randomly to the working environment or the private domain. Our environments were latently multiplied. The stationary beginning conditions of perception, thus system and environment, has reached a new level. Nowadays environments are especially based on relationships.
While hundreds of years ago cars have been an unimagined enrichment for the locomotion, at the present time other environments and knowledge spaces are available on mobile devices. The control of things here or elsewhere moved into a new phase. Whereas the sensual conditions of participation to perceive the environment have been prolonged through various kinds of glasses in modern times, now the view can move around in space time. The natural horizon is no longer a limitation. It even is no longer interesting what is beyond the horizon. The observation has emancipated itself from the sensual restrictions of the natural and optical equipped vision. What is visible depends on the brains spirit of enterprise and its organs of perception. The researching eye thus steps out of the laboratory of its rabbit hole and takes a look at the upper world. Amateurs, experts, dilettantes, all of them discover now the undirected attention and try to bring order into the chaos of possibilities. The entire human perception mechanism undergoes a change. Life feels different. But what actually changes is the understanding of liveliness, not that of technology.
Let´s take a quick glance at the sun from an evolutionary perspective, the sun that brought light to the world. We see with the eyes of the sun, what the romanticists have already pointed out. Our thinking and action is standing in the light of metaphors. Today we open our eyes with physical glasses, designed by Erwin Schrödinger. It is about the old question, why we live. What is it all about? What is liveliness? Schrödinger asks, why the atoms are so small and why the human organs, that perceive the environment are that big?* That theoretical physics do not have an answer to that may quiet the mind, but that she pushes our restlessness forward with questions is good.
The world of the firmly structured atoms is opposed to the world of cell associations. Both condition each other. Liveliness thus produces relations of perception. There is a statistical necessity of the relations of perception that filters and does not count the individual movements of the atoms. Schrödingers glasses are related to physical determinants, just like our field of vision is related to the horizon. For living beings micro- and macro world relate to each other. Perceiving is the effort of such an interrelation: The sun is a sandwich. We live from light. We are mundane living beings who have organised eye catcher on a large-scale. We became extreme equipped trappers. Our liveliness hereby is on disposition. The mobile eye no longer lives only on light. We eat up our liveliness ourselves. The sun in us kills: The ego in the ego burns our skin nicely tanned for pleasure while the suns wind refreshes coldly. The accelerated particles hit us at the absolute zero. Our consciousness is only aware of dead, one of self-declared killers and gods that legitimize the self-preservation until the self-obliteration. A consciousness of liveliness is missing. But maybe we only need Schrödingers glasses.

AE, Berlin 2.4.2013
* see: SCHRÖDINGER, Erwin: Was ist Leben? Mit einer Einführung von Ernst Peter Fischer, 3. Auflage, München: Piper Verlag 1989.

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